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Historisches und wissenwertes erfahren Sie aus der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen. Verfasst und recherchiert von Karl-Heinz Gerhard

 

Fünfzig Jahre Kammer e.V.


Aus der Geschichte der Vereinigung der Wirtschaftsprüfer, vereidigten Buchprüfer und Steuerberater in Baden-Württemberg e.V.

Den prüfenden und beratenden Berufen haben das Kriegsende und die ihm folgende Errichtung von Besatzungszonen für Berufsrecht und Berufsorganisation einschneidende Regelungen gebracht, weit mehr als heute nach fünfzig Jahren noch erkennbar. Das durch Proklamation von General Eisenhower vom 19.9.1945 errichtete Land Württemberg-Baden lag wie die ebenfalls neu gebildeten Länder Bayern, Bremen und Hessen in der amerikanischen Besatzungszone und wurde von der in Stuttgart stationierten Militärregierung (Office Military for Germany, United States of Württemberg-Baden -OMGUS-) regiert.

Für die vier Länder der amerikanischen Besatzungszone wurde am 6.11.1945 ein Länderrat gebildet, dem die Koordinierung der Legislative dieser Länder oblag. Sitz des Länderrats war die Villa Reitzenstein in Stuttgart. Am 25.10. 1947 wurde das vom Länderrat beschlossene Gesetz über Wirtschaftsprüfer, Bücherrevisoren und Steuerberater auf Grund der Artikel 11 und 111 der Proklamation Nr. 4 der amerikanischen Militärregierung vom 1. 3. 1947 in Verbindung mit der Proklamation Nr. 2 der amerikanischen Militärregierung vom 19. 9. 1945 zur zoneneinheitlichen Verkündung durch OMGUS genehmigt. Das Gesetz wurde in Württemberg-Baden als Gesetz Nr. 911 vom 17. 12. 1947 erlassen.

Das Gesetz sah eine gemeinsame Dienstaufsicht von Wirtschaftsministerium und Finanzministerium für die drei Berufsgruppen vor. Es bildete die Grundlage für die öffentliche Bestellung und Vereidigung von Wirtschaftsprüfern, Bücherrevisoren und Steuerberatern und schützte deren Berufsbezeichnungen vor Mißbräuchen. Die 1943 abgeschaffte Berufsbezeichnung "Bücherrevisor" wurde wieder eingeführt. Für die Erlaubnis der Tätigkeit als Helfer in Steuersachen sowie die Regelung ihrer Dienstaufsicht verblieb es bei den Bestimmungen des § 107 a der Reichsabgabenordnung.

Rechte und Funktionen der Berufsorganisationen haben die zonengleichen Ländergesetze mit voller Absicht nicht angesprochen. Die Reichskammer der Wirtschaftstreuhänder und die Reichskammer der Steuerberater waren untergegangen, wenngleich die Reichskammer der Steuerberater in den Ländern der britischen Zone auch nach dem Krieg noch regionale Aktivitäten entfaltete. In Württemberg-Baden sind als Männer der ersten Stunde unmittelbar nach Kriegsende einige Berufsangehörige initiativ geworden. Ihr Wirken hat in der Folgezeit die Berufsgeschichte nachhaltig geprägt. Sie bildeten schon 1945 einen "Berufsausschuß für Wirtschaftsprüfer und verwandte Berufe".

Der Berufsausschuß hatte sich zum Ziel gesetzt, möglichst rasch eine berufsgesetzliche Regelung für Wirtschaftsprüfer, Bücherrevisoren und Steuerberater zu erreichen. Er nahm Verbindung mit den ebenfalls neu entstandenen Berufsvereinigungen in den anderen Ländern der Zone auf. Ergebnis der danach folgenden Verhandlungen waren die zonengleichen Gesetze.

Noch bevor in Württemberg-Baden das Gesetz Nr. 911 in Kraft getreten war, war man übereingekommen, dem Berufsausschuß eine festere Gestalt zu geben. Er gründete am 18.7.1946 die Kammer der Wirtschaftsprüfer, vereidigten Bücherrevisoren und Steuerberater Württemberg-Baden e.V. (im folgenden mit "Kammer e.V." abgekürzt) mit Satzung, Vorstand, Berufsgruppenbeiräten, Verwaltungsrat.


Die Gründungsversammlung wählte den Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Dr. Wilhelm Engelmann zum Präsidenten der Kammer und Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Dr. Franz Lipfert zu dessen Stellvertreter. Das Büro der Kammer wurde in den Praxisräumen von Dr. Engelmann hoch über der Stadt in der Leibnizstraße eingerichtet. Dort war dann Jahre hindurch die Zentrale weitergreifender berufspolitischer Aktivitäten, die unverzüglich nach der Kammergründung einsetzten.


Doch auch hier wurde mit Wasser gekocht: Die Geschäftsstelle blieb vom 23.12.46 bis einschließlich 5. Januar 1947 aus Gründen der Einsparung von Heizmaterial geschlossen. Man telefonierte mit Feldtelefonen. Der Geschäftsbetrieb wurde durch den Mangel an Schreibmaschinen immer mehr in Frage gestellt. Und der Geschäftsbetrieb war wichtig. Ohne Kammer gab es kein Papier, keine Passierscheine für die französische Zone (das Land war in Bempflingen zu Ende) und keine Dienstreisebescheinigung für die Eisenbahn. Aber auch Arbeitsbescheinigungen waren aus politischen Gründen wichtig. So sorgte die Kammer e.V. auf vielfältige Weise für die Mobilität ihrer Mitglieder, aber auch für ihre eigene: Das seltene Gefährt eines Mercedes Heck-Motor erleichterte den Behördenverkehr und den Besuch auswärtiger Sitzungen und Tagungen. Vorüber war die Zeit, in der der Kammerpräsident und seine Mitstreiter auf Schusters Rappen den Stuttgarter Talkessel durchwanderten. Es kam auch vor, daß der amtierende Präsident das Auto auf der Königstraße schieben mußte, was ihm den Ruf entlockte: "Sch...-Präsidenten-Karre!" Daraus wurde die Kurzform"SPK".

Aus der Vielfalt des Kammeralltags seien noch das "Lehrlingswesen" (so hieß das damals), die Stellenvermittlung, Fragen der Kundmachung und des Auftragsschutzes, Gebührenfragen genannt. Für die wichtigsten Gebiete gab es Ausschüsse.

Doch zurück zum Grundsätzlichen: Die amerikanische Besatzungsmacht hatte - im Unterschied zur britischen und französischen Zone - die Kammern mit Pflichtmitgliedschaft und hoheitlichen Funktionen nachdrücklich verboten. Sie hat aber geduldet, daß in bestimmten Fällen Berufsvereine in ihrem Namen die Bezeichnung "Kammer" führten. Die Kammer e.V. umfaßte drei Berufsgruppen; die Helfer in Steuersachen waren durch Vorstandsmitglieder des Verbandes der Buch- und Steuersachverständigen korporativ vertreten. Daß von allem Anfang an die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Steuerberatungsgesellschaften der Kammer e.V. angehörten, wird heute als selbstverständlich angesehen. Doch es gab auch andere Überlegungen.

Die innere Gliederung sah für jede Berufsgruppe einen Berufsgruppen-Beirat vor, bestehend aus drei Vertretern der Gruppe. Die Berufsgruppenbeiräte bildeten den Verwaltungsrat. Der vom Verwaltungsrat zu wählende Vorstand bestand aus drei Wirtschaftsprüfern, einem vereidigten Bücherrevisor und einem Steuerberater. Der Präsident und der Vizepräsident mußten Wirtschaftsprüfer sein. Schon 1946 wurde intern eine Bezirksgruppe Nordbaden gebildet, die ihrerseits wieder eine Stadtgruppe Heidelberg gründete. Die für die Mitglieder mit dem Sitz im Landesteil Nordbaden eingerichteten Gruppen waren zwar in der Satzung nicht vorgesehen, entwickelten aber beachtliche fachliche und gesellschaftliche Aktivitäten.

 

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